Vor einer Japanreise mit Kindern haben die meisten Familien Angst – verständlich, zunächst. Wie soll man sich verständigen, wie soll man sich zurechtfinden, wie soll man sich verhalten? Dass die Angst völlig unbegründet ist, ahnten wir schon. Bestätigt wurden wir spätestens fünf Minuten nach unserer Ankunft in Tokio.
Ein langer Tag liegt hinter uns, als wir endlich in Japan ankommen. Nach 21 Stunden der Anreise, zuerst mit dem Auto nach Prag, dann zur nächtlichen Zwischenlandung im glühend heißen Dubai, kommen wir am späten Nachmittag (Ortszeit) am Flughafen Narita an.
Von hier nach Tokyo sind es noch 60 Kilometer, aber die bemerken wir gar nicht so richtig. Eine kurze Frage am Info-Schalter des Flughafens, und wir werden mit Zugverbindungen, den richtigen Tickets und einer Wegbeschreibung um die Ecke zum Bahnsteig geschickt. Dort für die ersten Yen am Getränkeautomaten winzige Flaschen mit seltsamem grünen Tee gezogen, und schon fährt mit leisem “Wusch” der Keisei Skyliner ein.
Ehe wir uns versehen, stehen wir mit unserer Tasche (ja, wir reisen mit leichtem Gepäck) am blitzsauberen Bahnhof Ebisu zwischen geschäftig hin und her eilenden, makellos gekleideten und kein bisschen verschwitzt aussehenden Japanern. Unsere Ankunfts-Euphorie hat uns bis hierher getragen, jetzt sind wir ein wenig ratlos – welcher Ausgang ist der richtige?
Wir stecken mit dem Kopf noch in einer anderen Zeitzone, die Kinder haben Hunger und sind zusehends müde. Keine idealen Voraussetzungen, um den Weg zu unserem Apartment zu finden, obwohl unser Vermieter jeden Schritt des Weges akribisch aufgezeichnet hat. Als wir inmitten des stetigen Menschenstroms am Bahnhofsausgang stehenbleiben und verwirrt Beschreibung und Realität vergleichen, tritt eine Passantin in unserem Alter auf uns zu – ob sie uns helfen könne?
Wir sind dankbar für jeden Fingerzeig. Ist das große Schild mit den Schriftzeichen dasselbe, das auf unserer Wegbeschreibung abgebildet ist? Die Frau nimmt mir fürsorglich den Papierstapel aus den Händen und blättert ihn durch. „That’s 500 metres, only around the corner…“ Sie wirft einen Blick auf unsere müden Kinder, die Rucksäcke und unsere Tasche. „But it’s dark. I better show you.“
Sie behält unseren Stadtplan und geht zielstrebig voran – links, rechts, links, wieder links. Dazwischen immer wieder ein entschuldigendes Lächeln, das aussieht wie: „Tut mir leid für die Umstände, ein paar Meter sind es noch…“ Uns macht der Weg gar nichts aus – die Straßen sind hell erleuchtet, blitzsauber und von zahllosen interessanten Geschäften und Restaurants gesäumt, deren Auslagen uns in den Bann ziehen. Es duftet verführerisch nach Nudelsuppen, der Verkehr auf den mehrspurigen Straßen rauscht in gesittetem Tempo, seltsam leise und ohne eine Spur von Abgasgeruch an uns vorbei. Nur warm ist es; oder ehrlich gesagt, verdammt heiß.
Nach fünf Minuten und dreimal abbiegen gelangen wir in eine kleine (ebenfalls saubere und ordentliche) Gasse. Unsere Führerin wirft einen prüfenden Blick auf die Hausnummer an einem winzig kleinen Treppenaufgang neben einer Restaurant-Gasse, den wir bestimmt übersehen hätten: „Here you are!“ Und mit einem freundlichen Winken und einer angedeuteten Verbeugung eilt sie zurück in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Auf ihrem Weg lag dieser Abstecher also ganz offensichtlich nicht.
Wir blicken ihr fassungslos nach und winken ebenfalls, während sich ein Grinsen über unsere Gesichter zieht.
Tokio, wir lieben dich jetzt schon!
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Danke für den schönen Bericht. Jetzt weiß man, wie sich die vielen asiatischen Touristen in Heidelberg fühlen.
So macht Reisen und vor allem Ankommen Spaß, nicht wahr? Ja, Japan steht inzwischen auch wieder ganz oben auf unserer Liste. Mal sehen, ob es bald klappt…
Als ich noch in Berlin gelebt habe, machte ich es zu meiner Aufgabe, verwirrte Touris am Brandenburger Tor oder Bahnhof Zoo auf den richtigen Weg zu bringen. Hat immer sehr viel Freude gemacht.
LG
Hartmut
Sowas lese ich immer sehr gern, das wärmt das Herz :-)
Vielen Dank für den schönen Artikel!
*Wusch* gefällt mir auch sehr gut :-)
Liebe Grüße, Heike
Vielen Dank für den tollen Beitrag! Japan fehlt uns auch noch auf der Liste. Aber unser Sohn ist noch etwas klein dazu. :)
Viel Spaß
Christian von miles-around.de
Lieber Christian, für Japan kann man gar nicht klein genug sein – die Japaner lieben Babys! Lies doch mal hier auf dem Blog unser Interview “Elternzeit mit Zwillingen in Japan“, oder den Blog von Christin, die mit Baby drei Monate in Japan unterwegs war :-)
Toller Beitrag. Japan ist ein wirklich faszinierendes Land. Und schön zu sehen, wie hilfsbereit die Menschen sind :)
Liebe Grüße,
Lynn